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Schreibwerkstatt Großrußbach
Pfingsten 2004

Ich finde es bewundernswert, dass Schreib-Besessene ihr einsames Kämmerlein verlassen und hinausgehen in die weite Welt, um ihr Werk zur Diskussion zu stellen.
Und zwar ihr nicht veröffentlichtes Werk.
Es gehört eine Menge Mut dazu, sich offen der Kritik anderer in einer Gruppe zu stellen. Da gibt es viel zu schlucken. Aber auch viel zu lernen.
Schreibwerkstätten sind im englischsprachigen Raum, vor allem in den USA, keine Besonderheit. Dort ist es "ganz normal", als hoffnungsvoller Jungautor an einem Seminar teilzunehmen, das nicht selten von etablierten Autoren geführt wird. Und nicht selten werden dort auch Kontakte geknüpft, die letztendlich zur Veröffentlichung führen.
Sicher besteht die Gefahr der Gleichmacherei. Aber das ist eine Sache, die jeder Autor mit sich selbst ausmachen muss. Wird er verlegt, wenn er "genauso wie andere" schreibt? Kann er damit sein Brot verdienen? Oder ist er lieber ein Künstler, der seiner Kunst zuliebe jahre-, vielleicht jahrzehntelang auf die große Anerkennung verzichtet, der sich nicht anpasst und vielleicht gerade deswegen eines Tages den großen Durchbruch hat? Oder findet er den Mittelweg des Kompromisses?
Dies ist die wichtigste Entscheidung, die ein Autor treffen muss, ob er will oder nicht: Schreibt er für ein großes Publikum oder nur für Auserwählte, vielleicht sogar nur für sich selbst? Zusammengefasst:
Der Autor muss wissen, warum er schreibt. Da muss er ganz ehrlich zu sich selbst sein, sonst wird ihn das Schreiben nie befriedigen.
Wenn der Autor soweit ist, kann eine Schreibwerkstatt ein geeignetes Mittel sein, auf dem gewählten Weg zu bleiben. In der Diskussion mit den anderen lernt man, seinen eigenen Standpunkt besser zu verstehen. Und es ist eine Entscheidungshilfe, wie es weitergehen soll. Auch, wenn es nach den ersten zwei Tagen nicht so aussehen mag: Eine Schreibwerkstatt fördert auf alle Fälle konstruktiv das Selbstbewusstsein und die Motivation. Viele Dinge, die man zuvor so verbissen sah, klären sich auf einmal ganz leicht. Man stellt fest, wo vor allem die eigenen Schwächen liegen.
Das gilt übrigens auch für den Dozenten. Wieso? Ganz einfach: Jeder Autor, mag er noch so viele Veröffentlichungen haben, hat seine Schwächen und fällt hin und wieder sogar in Anfängerfehler zurück, wenn ihn die Begeisterung einer neuen Geschichte davon treibt. Es gibt keinen perfekten Autor. Aber sehr wohl einen professionellen Autor.

Am Freitag begann es mit der allgemeinen Vorstellung der Teilnehmer, was erhofft sich jeder von dem Seminar?
Zwei Dinge kamen bereits am Freitag deutlich zum Ausdruck:
Schreib, was du willst. Aber wenn du verstanden werden willst, musst du dich verständlich machen.
Jede Geschichte ist ein Konflikt: Der Held stolpert ungewollt in eine Situation, die er sich freiwillig nie ausgesucht hätte.

Der Samstag war der "Tag der Wahrheit": In drei Gruppen, aufgeteilt auf die Dozenten, wurden die eingereichten Geschichten durchleuchtet. Gewiss der härteste und nervenaufreibendste Tag für die hoffnungsvollen Jungautoren, aber auch für die Dozenten. Hauptschwächen nahezu jedes Autors sind: Passives Schreiben und mangelnde Struktur. Die berühmten 6 W's: Wer? Wie? Was? Wann? Wo? Warum? müssen verinnerlicht werden.
Klar und deutlich wurde herausgearbeitet, dass ein Autor, bevor es überhaupt ans Schreiben geht, genau wissen muss, worüber er schreiben will. Egal wie lang die Geschichte ist - eine klare Struktur muss bestehen, Höhe- und Wendepunkte herausgearbeitet sein. Der Autor muss vor allem seine Figuren kennen, bevor er sie zum Einsatz bringt, damit sie glaubwürdig sind. Bei Romanen ist ein Exposé unvermeidlich, das darf bis zur Kapiteleinteilung gehen.
Dass die Geschichte dann während des Schreibens eine Eigendynamik entwickelt, neue (unbekannte) Figuren auf den Plan treten, die wichtig werden, und überraschende Momente entstehen, mit denen der Autor nicht gerechnet hätte - das ist genau das, was eine Geschichte lebendig macht. Das Beste ist, sie fesselt den Autor selbst, er will wissen, wie es weitergeht, kommt kaum mit dem Schreiben nach ... das ist die Kreativität und der Spaß daran. Dennoch muss dem ein Konzept zugrunde liegen, sonst funktioniert es nicht. Das konnte anhand der eingereichten Geschichten ganz genau auf den Punkt gebracht werden.

Der Sonntag brachte dann ein wenig Entspannung und wenig trockene Theorie, aber enorm viel Kreativität. Um den Dialog ging es, die Würze des epischen Schreibens, mit die wichtigste Disziplin des Handwerks.
Zu jedem Buchstaben des Alphabets wurden SF-Begriffe gesucht. Fünf davon mussten dann in Kleingruppen nach 15 Minuten kurzer Absprache in einem gespielten Dialog untergebracht werden - ohne vorherige Aufzeichnungen, ganz spontan. Was dabei herauskam, war enorm. Fünf komplette Geschichten, voller Humor, Drama und überraschenden Pointen. Die normalerweise im stillen Kämmerlein einsam tippenden Autoren zeigten sich als begeisterte Darsteller, jeder in der Rolle, die genau zu ihm passte. Viel Anerkennung, viel Gelächter, viel Lob seitens der Dozenten.
Dann kam aber das wirklich Knifflige: Bis zum Nachmittag musste jede Gruppe sich eine der fünf Geschichten auswählen - außer der eigenen -, und sie in Prosaform bringen.
Heraus kamen fünf Geschichten, die fast alle neue Interpretationen des ursprünglichen Dialogs brachten, teilweise mit neuen Gags, die wiederum zu viel Gelächter reizten.
Eine große geistige Anstrengung, die jedoch zeigte, wie fruchtbar Gruppenarbeit sein kann, und wie viel Kreativität in einem steckt, wenn man in kurzer Zeit zur Höchstleistung gezwungen wird.
Jeder Autor braucht den Termindruck. Ohne Ausnahme. Am Ende stellte sich heraus: Ganz klar hatten die Teilnehmer erkannt, wo ihre Schwächen lagen; und damit hatte jeder Einzelne das Ziel der Schreibwerkstatt mit Bravour erreicht.

 


Die Gruppe unserer Schreib- werkstatt vom 28.-31.5. (Pfingsten) 2004 in Schloss Großrußbach:
Jürgen, Dozent Andreas Findig, Dozent Leo Lukas, Wolfgang (ganz vorn), Ernst Vlcek (als Gast dahinter); Marc-Ivo, Ralph, Michael, Klaus; Ulrike, Bettina, Rein- hard, Ute, Michael; Dennis, Leo, Sigrid, Roman, Josef.
(alle Fotos: Andreas Findig)

Unser Tagungsort, vom dazu- gehörenden Park aus ge- sehen.

Der Blick von oben auf den Innenhof, während einer Schreibübung.

Die erste Runde am Freitag nach dem Abendessen. Alles noch ein wenig steif.

Am Samstag werden die ein- gereichten Geschichten in Kleingruppen zerpflückt. "Wie sag ich's ...?"

Dazwischen Pause. Aber na- türlich gehen die Fachge- spräche auch hier weiter ... Dennis, unser jüngster Teil- nehmer, fotografiert

Auch abends im Stüberl geht die Diskussion noch weiter - aber nicht so verbissen, wie es hier aussieht. Es ist näm- lich schon nach Mitternacht, und allmählich breitet sich Müdigkeit aus. Aber so schnell geben weder Schüler noch Lehrer auf ...

Spiel: Ute stellt die Präsiden- tin eines friedlichen Planeten dar ...

Roman als General, Anführer der Invasoren und Inquisitor - kurz bevor er desintegriert wird ...

Die Arbeit geht wie immer los, noch bevor die Frühstücks- semmel fertig gekaut ist ...

Aber: Die Stunden sind ge- zählt, die Kopfschmerztablet- ten reichen noch, und der Kaffee auch.

Montag früh: Es ist immer noch genug Hirnschmalz und Motivation da!

Dann ist es geschafft: "Alle haben den Kurs erfolgreich beendet! Ich kann beruhigt heimfahren."